Hans-Georg Behr
Alltag mit Wölfen
Avcilar, nach Sonnenuntergang
»Alle wollen sie jetzt große Hunde haben.« Yüksel tätschelt seine Wolfshündin, die ihm mehr bringt als seine Kuh - achttausend Lira für ein junges. Die Kuh hat zwanzigtausend gekostet und wirft nicht so oft. Yüksel setzt nun auf Hunde. Zwei ebenfalls schon gebärfreudige Töchter seiner Wölfin knurren angepflockt unterm Aprikosenbaum.
Vor vier Jahren gab es hier nur kleine Köter undefinierbarer Rasse, die schrill kläfften und alles Weitere dem Hausherrn überließen. Da brachte Yüksel aus Dortmund seine Wölfin mit, und die Dörfler gingen ihr ängstlich aus dem Weg. Vor zwei Jahren kam noch Branko dazu, ein deutscher Schäferhund, an dem der Führer seine Freude gehabt hätte. »Das waren deutsche Hippies, die haben ihn einfach hiergelassen.« Yüksel spuckt aus und lacht: »Auch noch umsonst.« An Brankos deutsche Futternäpfe erinnert eine Würgekette, die seinen Hals ständig blutig schindet. An Yüksel schloß er sich der Wölfin wegen an, und als er etliche der kleinen Dorfköter totgebissen hatte, wollten immer mehr Dörfler Nachkommen der beiden. Die kläffen zwar noch schwanzwedelnd durch die Gassen, doch ihre Herren hoffen, daß sie auch bald so böse beißen können.
Brankos Kinder sind die sichtbarste Veränderung im Dorf, von denen abgesehen, die ich jedes Jahr sehen konnte: hinten am Hang sind ein paar Höhlen und Häuser eingestürzt und daneben neue entstanden; diesmal weniger als verfielen. Auf den ersten Blick sieht es hier zeitlos aus, und Zeit setzt hier schneller Spuren als anderswo. Hier spuckte einmal ein Vulkan fünfzig Quadratkilometer Tuffstein her. Wind und Regen fraßen daraus abenteuerliche Schluchten und Felskegel - der Stein ist so weich, daß man ihn auch mit Messer und Säge in Höhlen und Quader zerlegen kann. Vor gut tausend Jahren gruben sich Christen ein, geflüchtet vor den Muslirns oder der Staatsreligion in Konstantinopel, die ihnen ihre Heiligenbilder verbieten wollte. Sie gruben unzählige Kirchen und Klöster in die Felsen; zu ihrem Glück gedieh hier auch der Wein besonders gut, und die Staatsgewalt trat in diesem unüberschaubaren Terrain nie gewichtig auf. Irgendwann wurden die Leute von selbst gute Muslims, deren Kinder den Heiligen in den verwitterten Höhlen die Augen auskratzten. Ein eigensinnig eigener Schlag aber blieben sie, die sich Kappadokier nennen und höchstens Behörden gegenüber Türken, und ein herzlich trockener Rotwein blieb die Existenzgrundlage der Gegend. Wer nicht Weinbauer werden wollte oder - wegen zu vieler Brüder - nicht konnte, zog in den Dortmunder Raum, nach Stuttgart oder in den französischen Kohlepott - auch in der Fremde gilt die Tradition der Stammesgebiete, und nur Berlin ist wie Istanbul eine Ausnahme. »Da trifft man alle möglichen Türken«, sagt Yüksel und findet das eigentlich schlimm.
Zum Wein kam Mitte der Sechziger auch noch der Tourismus. Zuerst entdeckten Hippies die pittoreske Landschaft, und zwischen den Weinstocken sprießen seither einige. Hanfpflänzchen. Dann kamen Filmemacher nun auch schon weniger attraktive Knaben erinnern sich dankbar der Zeit, da hier Pasolini seine »Medea« drehte -, und bald hinterließen sogar Rollotel-Busse an einigen Hausecken ihre Spuren. »Häuser müssen ohnedies alle dreißig Jahre neu gebaut werden«, kommentierte Yüksel den Schaden an dem seinen.,. Die Holzteile kann er ja wiederverwenden, »die halten fünf Häuser lang«, und der deutsche Busfahrer mußte mehr zahlen, als zwei Häuser kosten. »Sie, hätten das, ganze Dorf umlegen können und wären gesegnet, worden.« In den Nachbarstädten entstanden Hotels, in denen man kellnern konnte, und die reicheren Bauern Avcilars eröffneten entlang der Hauptstraße Onyx-Werkstätten mit staubigen Arbeitsplätzen. Auf den Höhlenwohnungen aber sprossen wie Pilze nach einem warmen Sommerregen die Fernsehantennen, und von Sonnenaufgang bis spat in die Nacht dudelte die unendliche Melodie der Transistorradios und Kassettenrecorder, lauter als die alten Lautsprecher auf dem roten, bleistiftspitzen Dorfminarett. Nur die Alten verbargen ihre Gesichter vor jeder Kamera - Allah straft Abbildungen mit Impotenz, und das konnten ihnen auch die jungen nicht ausreden.
Zwei Jahre ist das her und ferne Vergangenheit. Der Tourismus wird von einem Dutzend italienischer Hippies bestritten, manchmal verstärkt durch zwei, drei Deutsche. Die Antennen hingen schief über den Höhlen und werden nicht mehr aufgerichtet - die Apparate darunter sind verschlissen, und es fehlt an Ersatzteilen. Über Stunden ist es manchmal still im Dorf, nur von den Weinbergen ist der Jammer der Esel zu hören.
Wer fernsehen will, geht wieder in die beiden Kaffeehäuser, in denen es seit Jahresfrist keinen Kaffee mehr gibt. In dem am ausgetrockneten Bachbett sitzen die Manner, die nie das Dorf verließen, in dem an der Straßenkreuzung alle, die einmal im Ausland oder an Touristen Geld verdienten. Sie sind die beiden Klassen des Dorfes, schon an ihrer Kleidung leicht erkennbar, und jede hält sich für die bessere. Das einzig Gemeinsame zwischen ihnen sind die Stühle der Lokale, die je nach Bedarf hin und her getragen werden, die defekten nach Art des Schwarzen Peter.
Avcilar, Abendprogramm
jeden Abend kommt dasselbe aus Ankara, das knapp 3oo km nordwestlich liegt einen guten halben Tag Busfahrt und greifbar wie der Mond. Ein langer Block Werbung empfiehlt sieben verschiedene Banken, aber auf Banken bringt schon lange niemand mehr sein Geld. »Die Banken haben uns alles gestohlen«, knurrt Ahmed, der Lehrer, und meint die Inflation. Nicht weniger surreal wirkt die Werbung für alle möglichen Waschmittel - vor drei Wochen kam etwas OMO ins Dorf und war nach Minuten ausverkauft. Sonst gibt es in den drei staubig gewordenen Läden nur noch feuchtigkeitsverklebte Seifenflocken und. die anderen Herrlichkeiten aus der Werbung natürlich gar nicht. Die Alten aber starren auf die strahlenden Muttis und Töchter, die ihre Röcke fast kniekurz tragen.
Die gute alte Zeit, die danach obligatorisch als Bericht oder Spielfilm kommt, erkennen auch die jungen hier eher. So sieht eben eine anständige Kappadokierin aus, mit Pluderhosen und Blusen, die Überhaupt nichts vorn Körper ahnen lassen. Nur nicht ganz so verschleiert gehen sie wie anderswo einst und jetzt oft schon wieder. Zur Tugend nicht hier ein dünnes, weißes Tuch, lose um die Schultern geschlungen. Kommen-Männer in Sicht, wird schnell ein Zipfel in den Mund gesteckt. Das können auch schon die Sechsjährigen, die unten am Dorfbrunnen die schweren Wolldecken mit der Routine vielfacher Mütter walken und treten und auf den Feldern die Esel genauso mitleidslos beladen wie Greisinnen. Das einzige, was die osmanische Zeit von der jetzigen unterscheidet, sind die leerer geworden Läden.
Jeden Abend folgt dann eine Stunde Hitparade alla Turca, bei der sich die Alten zu einem Schwätzchen vors Lokal verziehen. Die Sängerinnen platzen fast vor Vollbusigkeit, und einige Dorfbeaus pressen die Fäuste gegen ihre zu eng gewordenen Hosen. Das passiert allerdings auch bei manchen brillantinestrahlenden Sängern - so genau nimmt es bei Sex hier noch niemand. Dann folgen die Spätnachrichten: Irgendein Minister besucht irgendeine Fabrik oder ein Krankenhaus, in Griechenland gibt es irgendeinen Streik, Fußballspiele werden ausführlich kommentiert.
Über Politik wird nicht geredet.
»Hier ist alles schon gelaufen, und seither sind wir ein linkes Dorf«, sagt Ahmed, der Lehrer. Vor cm eineinhalb Jahren gab es zwei Schlägereien auf dem Platz - zwischen den Kaffeehäusern, nach denen der Dorfrechte samt Familie ein paar Kilometer weiter verzog. Seitdem ist Avcilar sozialdemakratisch vom Kind bis zum Greis und Ahmed Parteisekretär. Zu politischen Gedankengängen fehlt ihm jedoch die Zeit. Vor zwei Jahren wurde sein Gehalt das letzte Mal erhöht, und da bekam man die Mark noch für 8 Lira 5o. jetzt kostet sie 45, und im selben Verhältnis stiegen auch alle anderen Preise. In die Schule geht Ahmed nur noch für den Schreibkram, ohne den er gekündigt würde. Wer will, daß seine Kinder lesen und schreiben lernen; zahlt Ahmed privat, und der Lehrer kommt ins Haus. Diesen Luxus kann sich nicht jede Familie leisten; auch die Genossenschaft in Ürgüp hat vor zwei Jahren ihre Preise für Trauben eingefroren, als Maßnahme gegen die Inflation. Ahmed hat nun sein Haus in eine Pension für Hippies umgestaltet, und der Haschischkleinhandel an seine Gäste ist sein Haupteinkommen.
Die sozialdemokratische Geschlossenheit dankt Ahmed dem Nachbardorf Uchissar, drei Kilometer und drei umstrittene Weinberge weiter. Der Lack touristischen Wohlstands lag nur dünn über den alten Konflikten, und als die wieder aufbrachen, hatten die Wundränder parteipolitische Farben bekommen. Die drei kleinen Weinberge wurden Prestigeangelegenheiten der Dorfgemeinschaften. Seit es auf ihnen drei Tote gab, werden sie nicht mehr bestellt.
»Da ist ein Riß zwischen den Dörfern«, sagt Ahmed.
Ürgüp, Mittag
In der Nachbarstadt ging der Riß über den Marktplatz. Vor acht Jahren waren hier nach einem der üblichen Erdbeben einige, Läden mit Touristenramsch gebaut worden und zwei Restaurants mit dünnen Betonskeletten und großen Glasscheiben. In dem einen trafen sich die Linken, im anderen die Rechten, und vor zwei Jahren splitterten regelmäßig einmal pro Monat die teuren, großen Scheiben. Im Herbst 78 wurden sie durch solide Bretterverschläge ersetzt die auch noch einige Male durchkrachten. Insgesamt gab es ein Dutzend Tote, und letzten Herbst räumten Planierraupen den ganzen Block weg. Die Geschäftsleute waren, der ständigen Schutzgeldfordenmgen beider Parteien müde, schon längst verzogen; der sozialdemokratische Wirt fand ein neues Lokal eine Straßenecke weiter, und der andere zog nach Nevsehir. Ihm folgten- auf Geheiß des Militärgouverneurs weitere achtzehn »rechte Familien«, und in ihre Häuser kamen »Linke« von dort. Der Marktplatz ist jetzt ein Parkplatz für LKWs.
Wie viele Menschen auf diese Weise in den letzten zwei Jahren ihre Heimat verloren, weiß niemand genau. An der Mittelmeerküste trägt das Elend manchmal Freizeitkleidung. In Side ist neben den römischen Trümmern ein Stranddorf entstanden, malerisch, als wäre die Freie Republik Wendland hierhergeschwommen. Unter den Pfahlhäusern sind. Ziegen angepflockt, und zwei kleine Lebensmittelläden gibt es auch schon. Hier wohnen Leute aus Karamanmaras, die Angehörige bei dem Massaker verloren. Ein altes türkisches Gesetz bestimmt: Wer über Nacht ein Haus baut, also vier Pfosten mit irgendeinem Dach darüber, darf daraus nicht mehr vertrieben werden. Natürlich hat alles fruchtbare Land, schon einen Herrn, der sorgfältig darauf achtet, daß nicht einmal ein Pflock eingerammt wird, und so blieb nur der Strand. Wegen der Ziegen gab es schon Streit mit den ortsansässigen Schäfern, die das Ruinenfeld als ihr Territorium hüten. Die Männer fischen, die Kinder baden, und alle warten »auf klarere Verhältnisse«, egal, was die bringen. Die Ersparnisse sind längst zur Neige gegangen, Aussichten gibt es keine. Alle paar Wochen kommt ein neuer Schub Flüchtlinge aus dem Landesinneren, aber die meisten versickern in Ankara, Istanbul oder Ismir, wo beinahe täglich ein neuer Slum entsteht.
»Wir haben hier eigentlich noch Glück gehabt«, sagt Abdullah, der Musiker. »Und würden hier Fremde herziehen wollen, auch Parteigenossen, wir würden sie vertreiben.«
Der Mittagswind bläst den Staub vom LKW-Parkplatz in seinen Laden und auf die Musikinstrumente an der Wand. Ab und zu kommt einer der Kollegen von der Band vorbei, aber es gibt nichts zu tun. »Wer will auch schon Musik mieten? Das sind alles keine Türken mehr. Früher hätte einer, wenn schon alles kaputtgeht, sein letztes Geld für Musik ausgegeben. Aber jetzt lachen sie nicht einmal mehr.« In zwei Wochen beginnt die Heiratssaison, doch Abdullah ist skeptisch. »Es heiraten immer weniger. Drüben heiraten mehr.«
Alle sagen sie »drüben«, und es klingt nach Ausland. Wer in Avcilar wohnt und Stadtluft schnuppern will, kann nach Avanos oder Ürgüp gehen. Nach Westen wird es gefährlich - die Provinzstadt Nevsehir und die umliegenden Dörfer sind fest in der Hand der Rechten. Die Grenzen sind gezogen, Grenzgänger selten, und es ist auch schon vorgekommen, daß »Transitreisende« aus den Bussen gezerrt wurden.
»Die Türkei ist in viele kleine Länder zerfallen«, sagt Ahmed, »und in keinem ist Platz für die anderen.«
Nevsehir, Nachmittag
Ich versuche, etwas aus diesem Gesicht zu lesen, es müßte doch möglich sein. Vielleicht bin ich befangen, aber dieser ganz leicht links hochgeschobene Winkel am Ende der schmalgepreßten Lippen sieht brutal zynisch aus. Darüber eine breite Nase, harte Falten, schmale Augen, die einem in jeden Winkel des Lokals folgen - kann man diese Fresse sympathisch finden? Gibt es eine faschistische Physiognomie? Die Hitler-Fotos, die ich kenne, zeigen immer so ein staatsmännisch-visionäres Leuchten. Dieser Führer, der Basburg, schaut nicht in die Ferne, obwohl er oft genauso seltsame Theorien abläßt wie sein Vorbild. Der sieht nur das ganz Nahe, die Macht und wie er sie trotz seiner 6,7 Prozent Wahlstimmen auch erreichen könnte. Aber kann man so was aus Fotos sehen?
Der Basburg hängt neben Atatürk, der etwas bekümmert dreinsieht. Viele Läden hier führen diese Kombination, meist erweitert um den herrlich bunten alltürkischen Knaben mit der Träne im Augenwinkel. Aus den Kitschgalerien türkischer Geschäftswände hebt sich Türkes wirkungsvoll ab - der
Mann sieht sachlich drein.
Hier also wurde Alparslan Türkes geboren, der Basburg, und hier gründete er seine Partei. Sein Geburtshaus kann ich nicht finden - dort steht jetzt ein großes Hotel und gehört einem seiner Brüder. Ich treffe zwei Männer, die mit ihm in die Schule gingen, aber die wollen nichts sagen. Der eine sagt nur, die »Roten« hätten ihm vor drei Wochen eine Stange Dynamit vor die Haustür gelegt. Man solle sie doch allesamt erschlagen, dann sei endlich Ruhe.
Eine Weile war Türkes auch Gouverneur der Provinz und soll dafür gesorgt haben, daß die Entwicklungsgelder für den Landstrich in seiner Heimatstadt hängenblieben. Nun war er schon lange nicht mehr in der Stadt seiner Bewegung, aber die Seinen sind allgegenwärtig. Hier brauchen sie nicht einmal ihre Statussymbole: die halb sichtbar getragene Pistole, die blauen Schiffchen auf dem Kopf und die schwarzen Lederjacken. Wer nach Neveshir kommt, weiß, woran er ist, und im Zweifelsfall werden Ortsfremde schnell von einer Gruppe entschlossener Jungmänner ins Gebet genommen.
Deutsche haben es dabei, die richtigen Antworten vorausgesetzt, leicht. Seit Türkes und Strauß einander in München Pfötchen gaben, weiß man hier, daß es auch in der BRD »Idealisten« gibt. Ulkucus nennen sie sich meistens, Idealisten. Aber auch die von ihren Gegnern verliehenen Namen tragen sie stolz, Graue Wölfe oder gleich Mörder.
»Daran sehen wir, daß man uns respektiert«, sagt Kemal.
Die unvermeidliche Frage nach meiner Meinung zu Hitler habe ich halbwegs zufriedenstellend beantwortet, ja, ja, und die Bolschewiken sind dabei, die ganze Welt zu unterwühlen. Ob ich Opium kaufen will? Heroin auch nicht? Im Augenblick ist es nicht sehr einträglich, in Nevsehir ein Wolf zu sein, sagt Kemal. Es gibt zuwenig Einsätze. 3000 Lira bekommt er für einen, dazu monatlich 2500 Lira »Grundgehalt«, aber davon kann man nicht leben. »Es gibt bald zu viele von uns, und wir haben schon das meiste unter Kontrolle.« Die Wölfe kamen, zumindest in Nevsehir, mangels greifbarer Gegner in eine ökonomische Krise. Einige Gefolgsleute überlegen schon, ob sie nicht nach Ankara gehen wollen, wo »demnächst« der Endkampf bevorsteht. »Auch in Istanbul ist viel los - jeden Tag ein paar Tote.«
Nevsehir, am Abend
Ob ich nicht doch Heroin kaufen will? In Deutschland will das doch jeder. Kemal hat da so seine Erfahrungen - mit neun Jahren kam er nach Wuppertal und mit sechzehn zu den dortigen Wölfen. »Was war schon dabei? In unserer Straße waren sie alle drin, da gab es gar nichts anderes.« Außerdem bekam man dort schon 1977 hundert Mark für einen Prügeleinsatz gegen seine Landsleute. 1979 »war dann da etwas«, und Kemal möchte nicht mehr darüber erzählen. jedenfalls mußte er sehr schnell zurück nach Nevsehir, ein sozialer Abstieg in jeder Hinsicht. »Die Partei hat viel Geld, aber hier zahlt sie wenig. In Istanbul oder Ankara gibt es mindestens das Doppelte.«
Kemal scheint den Kurswert von Schlägertruppen für die ganze Türkei zu kennen, und wo der Sieg geschehen ist, sinkt der Kurs. Woher kommt das Geld? Ein Teil zweifellos von »Schutzgeldern«. jede Gruppe erhebt so ihre Steuern, aber das deckt nicht einmal die Futterkosten der Rudel. Kemal hat eine schöne, neue Mauser im Gürtel, zwei seiner Kollegen hüten Berettas, auch nicht billig. Von der Wand des Kaffeehauses mustert mich der Basburg. Ach was, da braucht man ja nicht viel zu vermuten. Der Basburg hängt auch in Istanbul, im »Hotel Anadolu« bei der Sultan-Ahmed, gleich neben dem Schrank, in dem beachtlich große Schraubgläser alle möglichen Warenproben Heroin bereithalten. Alles läuft schön offen, das weiß hier jedes Kind und in der BRD auch das BKA, obwohl man gerade dort säuberlich zwischen Politik und Kriminalität trennt, bei den Faschisten zumindest.
jetzt habe ich eine Frage zuviel gestellt. Kemal und seine Freunde bekommen plötzlich schmale Augen und wollen ganz genau wissen, woher ich komme und wer mich geschickt hat. Zu meinem Glück kann sie Suleiman beruhigen.
Avcilar, später
»Du darfst hier keine Fragen stellen, die in die Politik führen«, sagte Suleiman auf der Heimfahrt. »Politik machen ein paar große Leute, und wir sind die Kleinen. Wir haben zu gehorchen, und das Andere geht uns nichts an. Ich bin so auch gut gefahren.«
Suleiman ist ein Glückskind, von seinem früh schon verkrümmten Rücken abgesehen. Vor drei Jahren stand er noch in der Backstube von Avcilar - ein Bäckergeselle, mit siebzehn verheiratet worden und mit achtzehn Vater. Vor kurzem kam der dritte junge, und Suleiman gönnte sich als Belohnung einen echten Levi's-Anzug und einen nagelneuen Renault de luxe. Außer ihm haben in Avcilar noch zwei Leute Autos, aber das Suleimans ist im Umkreis von etlichen Kilometern das einzige fabrikneue. Suleiman kann sich das leisten: Seit einem Jahr gehört ihm die größte Bäckerei Nevsehirs samt fünf Angestellten. Suleiman heult
mit den Wölfen.
»Natürlich bin ich kein Faschist«, sagt er. »Man muß sich nur mit ihnen arrangieren - das sagen, was sie hören wollen, manchmal vielleicht auch ein wenig mitmachen, aber nur ganz wenig.«
Bei Suleimans Gastfreundschaft muß ich an Bußübungen denken. »Du mußt dich einfach einladen lassen heute abend. Ich habe ein paar italienischen Freaks Opium verkauft, für 20 000 Lira. Mich selbst hat es nur dreitausend gekostet, das muß doch gefeiert werden.« Suleiman hat oft zu feiern.
Auf dem Dorfplatz spricht keiner seiner Kinderfreunde mehr mit ihm. Mehmed schlägt einen dekorativen Bogen um uns. Suleiman zieht die Schultern hoch und sieht aus wie eine Schildkröte in Levi's. In Avcilar gilt es als unanständig, mit Opium zu tun zu haben. Hier wird Haschisch gehandelt, aber so streng sind die Bräuche auch nicht mehr. Gerade Mehmed hat erst gestern zwei Italienern ein Krümel Opium für 5ooo Lira angeboten, das auch unter zerstrittenen Brüdern nur 20 wert wäre. Der Dorfpolizist stand daneben und grinste. Uns sieht er nun ganz amtlich an.
»Ich habe viel in mein Geschäft investieren müssen«, sagt Suleiman. »Alle Fenster waren zerschlagen, als ich es Übernahm, und der Laden hatte fast ein halbes Jahr leergestanden. Das war eine Gelegenheit. Hier hätte ich es nie weiter gebracht, und man muß ja von etwas leben.«
So ähnlich hatte auch Mahmud gedacht und war als Kellner »nach drüben« gegangen. Einmal aber hatte er nicht die rechte Antwort, und das Krankenhaus kostete mehr, als er verdient hatte. Nun kellnert er mit einer schmerzhaften Narbe im Bauch in Avanos.
Mehmed schlägt wieder einen eleganten Bogen um uns. Vor drei Jahren waren die beiden noch unzertrennlich gewesen. Suleiman schiebt sein Kinn vor. »Der kann ja nicht einmal heiraten. Eine Frau kostet jetzt eine halbe Million Lira, und hier wird er nie soviel Geld zusammenbekommen. Da muß er schon zu den anderen gehen. Die haben das Geld und die Macht. Schau mich an - ich bin ein reicher Mann geworden. Die Türken sind alle viel zu stolz, aber vom Stolz kann keiner leben.«
Suleiman schaut erbärmlich stolz drein, als er sein neues Auto besteigt und wieder nach Nevsehir fährt. Sein Haus hier in Avcilar wird er wohl bald aufgeben.
Im Kaffeehaus an der Straßenkreuzung macht mir Mehmed Vorwürfe. »Alle hier im Dorf haben dich mit ihm gesehen. Was sollen sie jetzt von dir denken?«
»Er hat mich aus Nevsehir hergebracht.«
»Du warst ... dort?«
Mehmed dreht sich weg und sieht in den Fernseher. Plötzlich laufen alle auf die Straße. An der Kreuzung hält ein Lastwagen aus Nevsehir. Auf seiner Plattform sitzen dichtgedrängt Männer. Auch aus dem anderen Kaffeehaus kommen jetzt die Männer, und durch das vertrocknete Bachbett spurtet Yüksel mit seiner Wölfin und Branko. Eine sehr lange Minute stehen alle schweigend da und starren auf den LKW vorne an der Kreuzung, dann brummt der langsam los Richtung Avanos. Einige Minuten später sind alle wieder in den Kaffehäusern versickert, doch in keinem ist ein Kommentar zu hören. Ein paar Männer sind draußen geblieben und gucken auf die Straße. Nach gut einer Stunde braust der LKW vorbei, Richtung Nevsehir, und dann sitzen wieder alle vor dem Fernseher.
Avcilar, sehr spät
Natürlich war Mehmed am Morgen in Avanos. Ein Wirt, bei dem wir auch schon mal waren, ist erschlagen worden. »Sie stürmten einfach in sein Lokal. Die meisten Gäste wurden nur verprügelt. Aber er hat sich mit denen angelegt. Was dann genau geschehen ist, weiß ich nicht.«
Sonst? Mustafa aus Ürgüp haben sie in Uchissar aus dem Bus gezerrt - ein paar Zähne und zwei gebrochene Rippen. Dafür wurde in Ürgüp ein Wagen aus Nevsehir gestoppt, und sämtliche Insassen wurden krankenhausreif geschlagen. »Der eine wird's wohl nicht überleben«, grinst Mehmed.
Wie viele Tote der tägliche Terror fordert, wird man in türkischen Zeitungen vergeblich suchen. Ausländische Agenturmeldungen in ausländischen Zeitungen erzählen darüber mehr.
Am Abend sitzen wir zu fünft um ein kleines Feuerchen. »Ich weiß nicht, wie das weitergehen wird«, sagt Ahmed, der Lehrer. »Alle wissen nur: so nicht. Die Türken haben sich immer alles gefallen lassen. Ob nun die Politik in Istanbul gemacht wurde oder in Ankara - sie haben es geschluckt, und hier hat es sich auf das Leben ja kaum ausgewirkt. Aber jetzt haben die jungen gemerkt, was da faul ist, und sie lassen sich das nicht mehr gefallen. Sie wissen nur noch nicht, was sie ändern sollen und wie. Hier gibt es keine Vorbilder und keine Anregungen. Da muß man sich im Ausland umsehen, und von dort kommen auch die ganzen neuen Ideen her. Das einzig Türkische dabei ist, daß man sich deswegen gleich die Schädel einschlägt. Keiner wird nachgeben, nicht einmal für eine Weile wird Ruhe sein. jetzt haben wir hier schon so lange Kriegsrecht - aber hast du in der ganzen Zeit eine Militärstreife gesehen? Das gibt es vielleicht in Ankara, Ismir oder Istanbul. Hier ist alles egaL Es gibt nicht weniger Tote und nicht mehr, und daran wird sich nichts ändern. Und irgendwann werden die da drüben alles haben. Die haben Geld, Waffen und gute Beziehungen im Ausland.«
Mehmed hat nicht zugehört, sondern in Richtung Nevsehir gestarrt. Hier oben kann man den Lichtschein am Horizont sehen. »In Deutschland haben sie angefangen, und da haben sie es auch gelernt. Da hat der Türkes seine Ideen her und das Geld.« Er leert die vierte Flasche Rotwein. »Irgendwann werde ich auch zu denen gehen. Man muß ja von was leben.«
Yüksel ist nicht weniger blau. »Branko ist unser Wolf«, sagt er. »Unser deutscher Wolf - schau her!« Er tritt den Köter. Branko winselt und leckt den Schuh. Yüksel lacht. »Alle wollen sie jetzt solche Hunde. Dafür geben sie ihr letztes Geld aus. Und natürlich auch für Waffen.« Den nächsten Wurf will Yüksel in seine Aufrüstung investieren.
Auf dem Heimweg beißt Branko einen der kleinen Dorfköter tot. Er muß den Kleinen gerochen haben, denn er sprang mit einem Satz über die niedrige Gartenmauer. Ein Atemzug Jagd und ein schrilles Heulen. Der Kleine hatte keine Chance.